Liebe Leser,
ich bin Euch noch einen Artikel schuldig!
Heute wieder zurück in der Schweiz habe ich eine wesentliche entferntere Sicht auf die Dinge. Doch bin ich motivierter dran zu arbeiten den Kindern zu helfen.
Ich hoffe Ihr auch!
Der letzte Tag begann mit einem Meeting im National Office, eine Zusammenfassung Davids über die Arbeit mit uns als Support Office – aber auch ein Ausblick wo die Reisen hingehen kann. Für mich zu viele Begriffe die ich nicht verstehe – die ich aber auch nicht verstehen muss. Mein Job ist Menschen und Firmen davon zu überzeugen für die Kinder einzustehen und mich einzusetzen.
Die Mitarbeiter sind so freundlich hier.
Ich setze mich an einen Arbeitsplatz im 6. Stock, von hier kann ich mit dem PC arbeiten neben Niklas und Maria. Ich lasse bei Youtube Maria Maria von Santana laufen – Maria hat Spass. Niklas wird nachts zu seiner Familie nach Ghana reisen. Was für ein Opfer immer so lange von seiner Familie getrennt zu sein….
Wir gehen mit den Kollegen aus dem Office noch einmal in das Restaurant im Haus und ich traue mich mal wieder an eine Pizza ran. Dazu ein wenig Sojasosse um Abwechslung zu bekommen – bis ich merke, dass die Sojasosse voll mit kleinen toten Fliegen ist. Ach, irgendwie bin ich froh dass ich bald zu Hause bin.
Mittags steht das Lighthouse mit den Mädels auf dem Programm. Ich wollte die Bilder drucken, man versteht mich aber nicht. Schwarzweiss will ich das nicht haben. Und bei dem Verkehr in der Stadt rumfahren um einen Shop zu finden geht auch nicht. Ich beschliesse die Bilder in der Heimat zu drucken und dann per Post zu schicken. Mir ist das wichtig – ich werde das nicht vergessen.
Aber wir halten an einem Shop und ich packe den ganzen Wagen voll mit Cola, Fanta, Kinderschokolade, Keksen, noch mehr Schokolade, Duschgel, Nivea und Socken für jedes Kind in verschiedenen Farben. Ich kann hier nicht viel tun – aber das ist ein kleines Zeichen das ich als Erinnerung dort lassen kann.
Angekommen im Lighthouse erwartet uns ein grosses Hallo! Die Mädels sind nicht komplett aber komplett happy dass wir kommen. Man hat Sushi mit Wurst innen drin vorbereitet – lecker! Ich berühre mit meiner Hand den Teller, ich weiss ja nun wie es geht.
Die Leiterin der Einrichtung schlägt Spiele vor. Wir sitzen auf dem Boden im Kreis und spielen, spielen, spielen. Das ist toll!
Wo mich doch vergangene Woche der Besuch in dem Lighthouse so sehr mitgenommen hat, komme ich nun mit klar.
Die Zeit vergeht viel zu schnell! Ruckzuck ist der Mittag rum und ich will die mitgebrachten Geschenke verteilen – doch man kommt mir zuvor. Die Mädels haben gemalt, gebastelt, singen für uns und führen Kunststücke auf.
Da ist es wieder das Gefühl. Mir wird mulmig. Ich würde sie am liebsten alle einpacken und mitnehmen. In der Schweiz würden wir es schaffen sie zu versorgen. Aber wäre das der richtige Schritt? Ich verteile die mitgebrachten Dinge und bin mir nicht sicher ob sie sich wirklich freuen…
Doch ich habe ja gelernt: der Mongolei zeigt keine Freude, dass er auch nicht so schnell enttäuscht werden kann.
Ich muss noch viele Bilder knipsen und wir gehen.
Warum habe ich nur ein so schlechtes Gewissen?
Wir statten noch dem Lighthouse für Jungs einen kurzen Besuch ab.
Die Geschichten von ihnen ziehen mich nur wieder mehr runter.
Vater im Gefängnis, Mutter tot. Beide Elternteile tot, das gleiche nochmal, usw.
Die Jungs haben so traurige Augen! Ich sehe ihnen an wie sie innerlich leiden! Der “Heimleiter” ist zwar wirklich nett, aber kann er das leisten was er eigentlich jedem Jungen geben müsste? Hier muss so viel heil werden. Ich versuche mir immer vorzustellen ob ich das packen würde. Wie sieht die Zukunft aus der Jungens? Gibt es eine? Oder ist vorprogrammiert, dass die Laufbahn gleich wie die der Eltern verläuft?
Ich würde mich gerne öffnen, Gespräche führen aber ich bin taub.
Nach einer Zeit verlassen wir die Wohnung, wir haben ja gelernt, dass Lighthäuser keine Häuser sind! Der Fahrer ist da. Es geht los – wie ich rückwirkend sagen kann zum schlimmsten aller Visits!
Zwei Polizisten, ein Sozialarbeiter und wir werden Strassenkinder suchen.
Mit einem Jeep, in dem wir fahren, und einem kleinen Bus zwängen wir uns durch den Verkehr der Stadt. Erster Stop: hier werden 4 kleine Jungs aufgesammelt. Ich wette keiner ist älter als 10 Jahre. Sie haben zwei Decken dabei – sonst nichts. Dreckig von oben bis unten! Gleich darauf noch ein Knirps von der Strasse ab ins Auto. Wir stehen mit dem anderen Auto per Handy in Kontakt. Man teilt uns mit dass eine Schwester seit Wochen ihren kleinen Bruder sucht. Sie wird kommen um zu sehen ob er gefunden worden ist. Sie steigt in den Bus mit einem kleinen Passbild des Bruders voller Hoffnung – doch er ist nicht dabei. Fragen? Was soll ich dazu sagen? Sie verlässt das Auto schweigend und zieht davon….
Der Platz an dem wir hier halten ist zugig. Mit einer Kollegin aus dem Office gehe ich ein paar Schritte. Hier stehen Verkäufer mit kleinen Grills, die Fleischspiesschen braten und verkaufen. Es ist wirklich schon kalt. Ich entdecke einen kleinen Jungen mit laufender Nase, von oben bis unten verdreckt und mache die Kollegin auf ihn aufmerksam. Wir gehen langsam hin, meine Kollegin versteht aber auf mongolisch, dass seine Mutter hier Nussverkäuferin ist. Falscher Alarm! Ob das nun gut ist oder nicht – das kann ich nicht sagen. Es ist viel zu kalt um nur einen Pulli zu tragen.
Wir steigen alle in die Autos und es geht weiter.
Tiefer und tiefer in das Stadtinnere, der Verkehr wird immer dichter und langsam wird es dunkel. Wir halten alle die Augen offen ob wir jemanden sehen, der aussieht wie ein Kind das auf der Strasse lebt.
Der Bus stoppt, ein Polizist und der Sozialarbeiter rennen los – ich hinterher. Sie haben zwei kleine Jungen entdeckt die den Bürgersteig langgeschlendert sind, doch sie haben die Verfolger entdeckt und geben Gas. Ich versuche hinterher zu kommen, verliere sie allerdings aus den Augen. Über Telefonkontakt bekommen wir mit, dass ein Junge entwischen konnte und der andere nun bitterlich weint. Fest gepackt am Pullover wird der Junge zum Bus befördert, er weint bitterlich. Ich mache Bilder und schäme mich dafür!
Wie sich herausstellt ist der Junge noch nicht mal 12 Jahre alt und total betrunken.
Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! Ich will nach Hause – nach Hause in meine Welt!
Normal wäre vorgesehen, dass wir mit ins Child Wellfare Center fahren und dabei sind wenn die Jungs “eingeliefert” werden. Doch ich möchte ins Hotel!
Das sind eh keine Bilder die World Vision Schweiz zu Gesicht bekommt.
Ich werde mir ein Bild des Jungen ausdrucken und in eine Schublade legen. Falls der Tag kommt an dem ich anfange unglücklich zu sein und zu jammern wird mir ein Blick auf das Gesicht des Jungen reichen um schnell auf andere Gedanken zu kommen! Kleiner Kerl, ich wünsche Dir das allerbeste für Dein Leben! Ich hoffe, dass es für Dich eine positive Zukunft gibt!
Das wars! Ich packe meine Sachen zusammen, um 5.00 Uhr werde ich geweckt werden und den Heimweg antreten. Zurück in die Schweiz, in das Land in dem ich wohne, lebe und alles esse.
Ich kann nicht mehr schreiben heute Abend. Mir kreisen nur noch die Bilder des kleinen Jungen im Kopf herum.
Was tun wir als World Vision – so viel aber es ist leider immer noch nicht genug. Natürlich könnten wir mit mehr Mitteln auch mehr bewirken und umsetzen! Ich werde dafür kämpfen und mich einsetzen, dass Menschen und Firmen das Bewusstsein bekommen es als Selbstverständlichkeit anzusehen sich zu engagieren. Was sind 50 Sfr. für uns???? Das ist die wichtigste Frage, die zum Schluss bleibt! Und ich kann Euch eins sagen: in der Mongolei sind 50 Sfr. so viel Geld, das kann man sich nicht vorstellen!
Ich habe die Mongolen in mein Herz geschlossen. Ihre Art ist toll! Sie leben den Tag und denken nicht über die Zukunft nach. Davon können wir lernen. Doch können wir auch ein wenig von uns dorthin abgeben! Wir können geben und lehren, wie das Leben ein wenig einfacher und besser gehen kann. Ich weiss, es braucht Zeit! Am Flughafen erzählt ein Italiener einem Holländer, dass sich in den vergangenen 10 Jahren so viel getan hat – gehen wir weiter voran, schauen nach vorne….. Wir können mitbestimmen wie es der Mongolei in 10 Jahren geht!
In Zürich angekommen ist natürlich Dank dem Flughafen Moskau das Gepäck weg, doch was sind das schon für Probleme…..ich suche mir im iPhone eine Zugverbindung nach Hause raus.
Doch als ich aus der Ankunftshalle laufe, steht meine Alex da, mit einem Chäschuechli in der Hand!! Irgendwie schliesst sich jetzt der Kreis….
Ich bin glücklich zu Hause zu sein!
Danke World Vision für das Augen öffnen!
